Das neue Jalta – Wenn die Welt über die Köpfe Europas hinweg aufgeteilt wird
Die Gerüchte über einen bevorstehenden Gipfel in Peking zwischen Xi Jinping, Donald Trump und Wladimir Putin beschwören das Gespenst einer neuen globalen Ordnung herauf. Sollten sich die drei Herrscher der nuklearen Supermächte tatsächlich an einen Tisch setzen, stünde kein diplomatischer Kaffeeklatsch an, sondern ein eiskalter, rein pragmatischer Deal über Einflusssphären. Es wäre die Wiederkehr der Konferenz von Jalta – eine Neuaufteilung der Erde, bei der Territorien und Staaten als bloße Verhandlungsmasse verschoben werden, um den Frieden der Großen auf Kosten der Kleinen zu sichern.
Die Verteilung der Beute in diesem Gedankenspiel folgt der reinen Logik der Machtpolitik.
Wladimir Putin bekäme das, worum er seit Jahren kämpft: die Absicherung nach Westen durch die strategische Kontrolle über eine neutralisierte Rumpf-Ukraine.
Donald Trump könnte im Gegenzug sein Versprechen „America First“ einlösen, den kostspieligen Fokus auf Europa beenden, Milliarden an Militärhilfe sparen und sich ganz auf den wirtschaftlichen Protektionismus konzentrieren.
Xi Jinping wiederum würde sich die unangefochtene Vormachtstellung im asiatisch-pazifischen Raum sichern, inklusive der geopolitischen Kontrolle über Taiwan, ohne dafür einen Dritten Weltkrieg riskieren zu müssen. Drei Gewinner, ein Zweckbündnis der Macht.
Die großen Verlierer dieses Triumvirats säßen nicht einmal am Tisch: die Ukraine und die Europäische Union. Ohne den militärischen und finanziellen Rückhalt Washingtons wäre Kiew politisch am Ende. Doch für die EU ginge es um die pure Existenz: Das Brüsseler Konstrukt würde unter dieser Last unaufhaltsam in seine nationalen Einzelteile zerbrechen. Ohne den schützenden US-Schild würde eine sicherheitspolitische Panik den Kontinent spalten.
Während die Frontstaaten im Osten in nackter Überlebensangst eigene, separate Deals mit Moskau suchten, würde im Westen wirtschaftlicher Kannibalismus ausbrechen. Um die eigene Industrie vor dem Totalkollaps zu retten, stürben die Reste europäischer Solidarität im Kampf um bilaterale Sonderabkommen für billige Rohstoffe aus Russland und Lieferketten aus China.
Isoliert, militärisch zahnlos und deindustrialisiert, würde Europa vom gestaltenden Subjekt der Weltpolitik zum bloßen Objekt degradiert – eingezwängt zwischen amerikanischem Protektionismus, russischen Energiebedingungen und chinesischen Handelsdiktaten.
Für die europäischen Leser birgt diese düstere Aussicht jedoch eine fundamentale Wahrheit, die weit über das aktuelle politische Versagen hinausgeht: Man kann nur etwas Neues erschaffen, wenn man das Vorherige zerstört. Es ist das unerbittliche Gesetz der Geschichte, die schöpferische Zerstörung alter Ordnungen. Wer genau hinsieht, weiß, dass dieser schleichende Erosionsprozess der EU kein plötzliches Phänomen ist – er läuft unaufhaltsam seit dem Schicksalsjahr 2007.
Damals schlugen mit dem Beginn der Bankenkrise, dem Umgehen der abgelehnten EU-Verfassung durch den Vertrag von Lissabon und Putins wegweisender Münchner Rede die ersten tiefen Risse in das Fundament. Was viele Bürger bereits seit 2007 instinktiv fühlten und beobachteten, erreicht nun sein unausweichliches Endstadium.
Das Brüsseler System der letzten Jahrzehnte basierte auf der Fiktion, dass man globale Geopolitik mit moralischen Appellen und geliehener militärischer Macht steuern kann. Dieses Schönwetter-Konstrukt wird nun endgültig brutal zertrümmert. Jedoch aus dieser Asche werden die europäischen Nationen gezwungen sein den naiven Traum der Ohnmacht zu beenden.
Das Neue bittet das Alte nicht um Erlaubnis. Erst wenn die Illusion der EU endgültig stirbt, entsteht der Raum für echte, eiskalte Realpolitik und einen radikalen, nackten Selbstbehauptungswillen. Wer nicht bereit ist, seine eigene veraltete Ordnung zu opfern, wird unweigerlich von der neuen Weltordnung der anderen verschlungen.

